Bundesbildungsbericht 2014 und Schulbildung – Ein Widerspruch?

vor einigen Tagen wurde der neue Bundesbildungsbericht 2014 im Auftrag der Kultusministerkonferenz der Länder und des BMBF von der Autorengruppe Bildung vorgestellt. Alle zwei Jahre erscheint mittlerweile ein „Update“ zur Bildungssituation in der „Bildungsrepublik Deutschland“. Einige der neuen Erkenntnisse wollen wir kommentieren.

Die Zahl der Kinder in Deutschland nimmt – trotz Migrationsüberschuss – weiter ab. Dafür erhöht sich die Zahl der Migrantenkinder: Gut ein Drittel aller unter 6-Jährigen haben mittlerweile einen Migrationshintergrund. Schon in der KiTa erhöht sich die Segregation.

Die Zahl der Kitas (+9) und der Hochschulen (+24%) hat sich in Deutschland erhöht, die Zahl der allgemein bildenden Schulen ist rückläufig (-19%). Was auch logische Konsequenz ist im bundesweiten bildungspolitischen Bestreben nach Abschaffung der außen differenzierten Schularten.

Den nächsten Part übernehmen wir mal wortwörtlich aus der Zusammenfassung des BBB vom DIPF: „Auch 2013 mündet noch über eine viertel Million ausbildungsinteressierter Jugendlicher in das Übergangssystem ein. Nach wie vor sind dies vor allem Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss in den westdeutschen Flächenländern sowie ausländische Jugendliche. Auch bei der Weiterbildungsteilnahme hat die Erhöhung der Gesamtquote nicht dazu geführt, dass die Abstände zwischen den sozialen Gruppen sich nachhaltig verringert haben. Für Personen mit Migrationshintergrund hat sich der Abstand sogar vergrößert.“ (S. 6 der Zusammenfassung)

Was heißt das nun? 125.000 Jugendliche beenden zwar die Schule, bekommen aber keine Lehrstelle und landen deshalb in staatlich über Steuergelder zusätzlich finanzierten „Auffang-Institutionen“. Hiervon sind 75% Jugendliche mit Migrationshintergrund (vgl. S.100 der Langfassung der Studie).

Hier mag sicher ein Problem sein, dass die Industrie regional weniger Ausbildungsplätze bietet, als es dort regionale Lehrstellenbewerber gibt. Kumuliert stehen sogar 3-6% mehr Ausbildungsplätze mehr zur Verfügung, als es Bewerber gibt (S. 102). Also existiert ein geringer Überschuss.

Allerdings gibt es bundesweit eine deutliche Ausbildungs-Angebots-Unterdeckung („ANR“) ausgerechnet in den sogen. Innovationsberufen: Techniker (-10%), Elektro (-5%), IKT-Berufe (-11%) und Industriekaufleute (-14%). Und das trotz des schon so oft propagierten Facharbeitermangels.

Erklärungsversuche:

Einen Grund wird in der sogenannten regionalen Verschiebung wahrgenommen: In (industriell) prosperierenden und auch in ländlichen Regionen ist die ANR (Ausbildungsplatz / Nachfrage-Relation) auch gut bis optimal. Was natürlich dem Schulabsolventen aus dem Hamburger Ballungsraum nicht unbedingt hilft, wenn dieser den Ausbildungsplatz fern in Ostbayern antreten soll.

Ein weiterer Grund kann auch in der hohen Abiturquote von über 50% verortet werden: Ein ökonomisch handelnder Betrieb bildet primär und notwendigerweise für den Eigenbedarf aus. Ein Abiturient trägt nun per se nach erfolgreicher Beendigung der Ausbildung das Risiko eines späteren Studiums-Antrittes in sich. Da die wirtschaftliche Prosperität der BR Deutschland nach wie vor auf dem Mittelstand fußt, hat auf der einen Seite nicht jeder Ausbildungsbetrieb auf Grund seiner Betriebsgröße unbedingt Bedarfe an dem nach dem erfolgreichen Studium als Bachelor oder Master in den Betrieb zurückkehrenden ehemaligen Auszubildenden. Umgekehrt kann man es einem Akademiker nicht verdenken, wenn dieser nach Ausbildungsabschluss und Studium nicht wieder auf äquivalenter Position wie vorher in den gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess einsteigen mag.

Auf Grund obiger Erkenntnisse und des ökonomischen Axioms von Angebot und Nachfrage müssten sich nun deutsche Betriebe ja nun gerade wieder auf die ESA und MSA-Schulabsolvent-Innen stürzen und alles ausbilden, „was Beine hat“.

Aber auch das ist nicht der Fall, wie die Zahl der offenen Lehrstellen und die stetig abnehmende Zahl der Ausbildungsplätze insgesamt zeigt (ebenda). Die Gründe sind banal: Vielen Haupt- und Realschul-Absolventen fehlen am Ende der Schulzeit entsprechend notwendige Voraussetzungen und Vorkenntnisse zum Antritt des Ausbildungsplatzes.

Unterhält man sich mit „Personalern“ von Unternehmen, werden – neben mangelnden sozialen Kernkompetenzen (Auftreten, Benehmen, Kommunikationsduktus) – auch fehlender persönlicher Ehrgeiz und signifikantes lückenhaftes Vorwissen in den Basisfächern Mathematik, Deutsch und Englisch genannt. Und das trotz nicht unbedingt schlechter Abschlussnoten aus den Schulen.

Der Aufwand, diese Jugendlichen durch die immer komplizierter werdenden Berufs-Fachausbildungen zu führen, erscheint gerade kleineren, mittelständischen Betrieben häufig zu hoch.

Da auch die Berufsbilder der Ausbildungsberufe sich durch den technologischen Wandel in den letzten Jahren immer umfänglicher ausgestalteten (Der Elektriker von heute muss auch Bussysteme planen und programmieren können, der Heizungsbauer auch eine elektronische Steuerung, die / der Bürokauffrau /-mann ist heute auch keine Sekretärin / Sekretär mehr u.s.w.), geht die Schere zwischen den schulisch erworbenen (Vor-)Qualifikationen und den gesellschaftlich notwendigen Anforderungen immer weiter auf.

Auch wenn die IHK’s diesem Trend entgegen steuern und reagieren, indem sie Berufsbilder neu definieren, aufsplitten und Lernfelder „abspecken“, so wird dies nicht dauerhaft helfen. Denn damit wird das „Aushängeschild der deutschen Wirtschaft“, das duale Ausbildungssystem nur entwertet, werden Berufsausbildungen dünner, flacher und verlieren letztlich Ihren umfassenden, flexiblen Binnenmarktwert.

Sicher hat eine staatliche Regelschule nun weit mehr Aufgaben, als lediglich eine „Berufsvorqualifikation“ zu leisten. Sie soll – so der hehere Anspruch – das „Bildungslabor der prosperierenden Gesellschaft“ sein, soll neben der Vermittlung grundlegender Kulturtechniken und Kernkompetenzen auch die „kritische ICH-Identität“ der Aktanten formen.

Schule als Institution oszilliert – und wird dies auch weiterhin tun – zwischen den Polen der Individualisierung von Bildung des Individuums und der gesellschaftlichen Erwartung von Bildung als Voraussetzung zur aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess. Stets auf der politisch fremdbestimmten Suche nach der idealen Ausgewogenheit, die es nur als Theorem gibt. Denn Umwelt und Kulturprogramme wandeln sich. Oft schneller, als es den Schulbildungs-Handelnden lieb ist.

Wenn gute Schulbildung aber immer stärker zu einer Frage elterlichen Engagements trotz verlängerter Schulverweilzeiten wird, neue moderne diagonale Klassenschranken entstehen, Migrantengruppen partiell schulisch segregieren anstatt sich integrieren, ein Abitur im Norden eine andere Wertigkeit und Aussagekraft als im Süden einer einzigen Stadt impliziert, ist der Allgemeinbildungsgedanke von Schule als Bildungslabor der Gesellschaft nicht umgesetzt.

Die Subsumtion trotz aller Polaritäten: Liefert Schule als Institution nicht mehr das ab, was den Bedarfen des Kulturprogramms entspricht, muss Gesellschaft über Neuausrichtungen nachdenken und dann auch Individualisierung Kompetenzausrichtung und Lernfeldorientierung hinterfragen dürfen, ja müssen.

Wenn Kompetenzorientierung lediglich formal definiert aber nicht über Inhalte determiniert und diese nicht auch nach der Schulzeit belegt werden können, verkommen Kompetenzen zur interpretierbaren Beliebigkeit. Wissen – im Sinne erworbener, konditionierter Basisqualifikationen und individueller Fähigkeiten – im Sinne einer Persönlichkeitsbildung – müssen doch in einem gesellschaftlich sinnvollen Verhältnis stehen.

Ob man soweit gehen muss, wie es Prof. K. P. Liessmann in seiner Streitschrift „Geisterstunde – Die Praxis der Unbildung“ formuliert: „In Ihrer Kompetenzorientierung zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer hypertrophen Gestalt.“ (2014:59)…wohl nicht, aber:

Die Institutionen Schule sind heute heterogener denn je – und das erstaunlicherweise trotz politischer Abschaffung ihrer Vielgliedrigkeit – und damit von Differenzierung – im Sekundarbereich.

Nicht das Individuum kann und darf in einer Gesellschaft über Art und Weise von Regelschulbildung entscheiden: Was Schüler können und wissen müssen, was ein schulischer Bildungsbegriff beinhalten muss, determiniert in allerletzter Konsequenz der gesellschaftliche Wandel und Notwendigkeiten des Kulturprogramm im Zusammenspiel mit einer – wenn auch zerplitterten – globalen Welt.

Wenn Individualisierung schulisch (weiterhin) vor determinierter Allgemeinbildung steht (was immer auch zukünftige Gesellschaft an Wissenskanon in diese Begrifflichkeit hinein definieren), führt sich staatlich organisierte Schulbildung als „Dienst an der Gemeinschaft“ schlussendlich selbst ad absurdum.

Schulische Bildung ist – nach wie vor – in säkularen, modernen und aufgeklärten Gesellschaften ein Aufstiegsvehikel, eine Perspektive für (auch individuellen) Wohlstand, Überwindung von Habitus und innergesellschaftlicher Stigmatisierungen.

Es zählt jedoch in einer immer stärker vernetzten und transparenteren Welt zunehmend nicht mehr alleine die Dokumentation, das Zeugnis, das Zertifikat. Denn diese wird in aller Härte nach der Schule vom realen Leben, der Leistungsgesellschaft verifiziert oder falsifiziert. Es muss zur Synergieentfaltung für das Individuum und (!) für das Kulturprogramm prall mit nachprüfbarem Inhalt gefüllt sein.

Die Langfassung des neuen Bildungsberichtes hier, die Kurzzusammenfassung für den „Flüchtigen“ hier.

Veröffentlicht von

Kai Pöhlmann

Kai Pöhlmann ist Inhaber der ABACUS Nachhilfe Institute Hamburg und Kreis Pinneberg und Gründer des ersten ABACUS-Nachhilfeinstitutes nördlich der Isar.Google+

2 Gedanken zu „Bundesbildungsbericht 2014 und Schulbildung – Ein Widerspruch?“

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