Ganztagsschule in Hamburg

In Hamburg wird (mal wieder) über Für und Wider von Ganztagsschulen diskutiert Das Hamburger Abendblatt berichtet in seiner heutigen Ausgabe lobend über Ganztagschulen in Hamburg, insbesondere über die Ganztagsschule „Klosterschule“ in Hamburg-St. Georg. Berichtet wird über kuschelige Sofas, Malen am PC und Spaß im Kletternetz.

„Hier bekomme ich keine Hausaufgaben“, so wird eine 14-jährige Schülerin im Bericht zitiert. Wäre der Verfasser noch Schüler, träfen solche Beschreibungen sicher exakt die kindlich- / jugendlichen Idealvorstellungen von Schule.

Bedauerlicherweise ist der Verfasser damals im „erzkonservativen“ Hamburg-Eimsbüttel zur Schule gegangen, hatte noch am Samstag Unterricht (Ja, das gab’s :-)) und bekam – gemeinerweise – jeden Tag Hausaufgaben auf, auch am Freitag…

Nichts desto trotz gab es am Nachmittag Zeit für Verabredungen mit Freunden (natürlich stets nach erledigten Hausaufgaben), Ballettstunden im Haus der Jugend am Weber’s Park (…), Fussball beim HEBC (Hamburgs Einziger Buddel-Club :-)) und Tennis und Leichtathletik beim ETV. Alle Freizeitaktivitäten konnten wir uns selber aussuchen (unter wohlwollender Genehmigung der Erziehungsberechtigten).

In einer gebundenen Ganztagsschule ist solch eine freie, individuelle Freizeitgestaltung so kaum noch möglich: Der Tag ist bis 16:30 Uhr verplant, die Freizeitveranstaltungen finden in der Schule statt. Gebundene Ganztagsschulen könnte man also auch als als „Heimschläfer-Internate“ bezeichnen.

Natürlich muss es Schulformen mit Ganztagsangebot geben, gerade in Metropolregionen wie Hamburg. Es ist sicher beruhigender für die vollzeitbeschäftigte, alleinerziehende Mutter, wenn Sie Ihren Sprössling zumindest bis 16:00 Uhr sinnig beaufsichtigt und beschäftigt weiß.

Aber gibt es hier wirklich ein gesellschaftlich „Gesamtschulen sind besser“? Bevor hier polarisierende Jubelstürme ausbrechen, muss man sich auch über gesellschaftliche Folgen im klaren sein:

– Das Lernverhalten der Schüler verändert sich: Durch die Nichtvergabe von Hausaufgaben beschäftigen sich manche Schüler nach Schulende nicht mehr mit der Unterrichtsmaterie: Sie nehmen Schule in erster Linie als Arbeitsplatz wahr und lernen in schwachen Fächer nicht mehr zu Hause ausreichend nach.

– Das soziale, freiwillige Engagement der Schüler nimmt stark ab und verringert die Hilfsbereitschaft (vgl. Bertelsmann-Studie: „Jugend in der Zivilgesellschaft“ v. April 2011). Falls das verwundert: Es ist einerseits ein Zeitproblem: Der Tag hat eben nur 24 Stunden…, andererseits ein Soziologisches: Kinder werden durch ihre sozialen Gruppen geprägt, ein Kind lernt in unterschiedlichen sozialen Gruppen unterschiedliche Positionierungen, da es sein Sozialverhalten stets an der jeweiligen Gruppe orientiert. Dieses beschränkt sich auf einer Ganztagsschule dann nur auf Schule und Elternhaus.

– Die StEG-Langzeit-Studie, welche Ganztagsschulen seit 2005 wissenschaftlich analysiert, liefert für 2010 ein differenziertes Bild: Nachmittagsangebote werden ab Klasse 7 nur von etwas über einem Viertel der Schüler angenommen und auch nur dann, wenn Veranstaltung und Lehrer „cool“ sind.

– Deutschland hat eines der größten Vereinsnetze der Welt: Hier lernen Schüler, sich humanitär und caritativ für andere zu engagieren, sich kulturell in Tanz- und Theatergruppen zu bilden, sich musisch zu stärken, sich sportlich neben dem Schulsport zu ertüchtigen oder die Sportart auszuüben, die Schulsport nicht bietet. Genau dieses wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, da eine gebundene Ganztagsschule genau diese Vielfältigkeit schlicht nicht bieten kann und will.

– Ebenfalls werden Noten und Schulleistungen auf einer Ganztagsschule nicht generell besser (Auch das steht in der StEG-Studie!). Auch positive Ergebnisse für die Sozialisation der Ganztagsschüler lassen sich nicht immer korrelieren: Der Nachhilfe News Blog verweist hier mal spontan auf Statistiken zu Jugendkriminalitätsraten, Jugendarbeitslosenzahlen und Jugend-Alkoholkonsum aus Industrieländern mit tradierten Ganztagsschulsystemen, wie Frankreich oder Skandinavische Länder…

Es gilt nach Ansicht des Nachhilfe-News-Blogs wie immer und überall in der Erziehung, Pädagogik und Beschulung: DIE alleinig selig machende Schulart gibt es nicht: Die Vielfalt ist’s, die eine gesunde Gesellschaft und eine gesunde Schullandschaft braucht.

Veröffentlicht von

Kai Pöhlmann

Kai Pöhlmann ist Inhaber der ABACUS Nachhilfe Institute Hamburg und Kreis Pinneberg und Gründer des ersten ABACUS-Nachhilfeinstitutes nördlich der Isar.Google+

3 Gedanken zu „Ganztagsschule in Hamburg“

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