KESS 13: Hamburger Stadtteilschulen mangelhaft?

Die BSB (Schulbehörde) Hamburg stellte gestern die Ergebnisse der neuesten Schulleistungsuntersuchung „KESS 13“, die die Leistungen des Abiturjahrgangs an den früheren Hamburger Gesamtschulen, jetzt Stadtteilschulen misst, vor. Die Ergebnisse zeigen Handlungsbedarfe auf: KESS 13 (= Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern am Ende der Jahrgangsstufe 13) erfasst Lernstände und Leistungsentwicklungen der Schülerinnen und Schüler, die im August 2009 in die Oberstufe an Gesamtschulen (jetzt Stadtteilschulen), beruflichen Gymnasien und an Aufbaugymnasien in Hamburg eintraten und nach 3 Jahren Oberstufenbesuch im Sommer 2012 ihr Abitur ablegten und bringt die erfassten Daten in einen Vergleich zur LAU 13-Studie.

(Näheres zum Zusammenhang von KESS und LAU auch in unserem Nachhilfe Blog-Artikel)

Das neue KESS 13-Ergebnis kurz und knapp gefasst:

Die gute Nachricht: In Hamburg legen immer mehr Schüler und Schülerinnen – gerade auch aus nicht Deutsch-muttersprachlichen Familien und aus bildungsfernen Elternhäusern – das Abitur außerhalb des (noch G-8) Gymnasiums ab. Die Abiturquote erreicht damit in Hamburg neue Höhen und steigt allein in diesen Schulformen um gigantische 67% (siehe Pressemitteilung der BSB Hamburg). Damit kann die Hamburger Schulpolitik sicher im bundesweiten Quoten-Vergleich weiter glänzen.

Die schlechte Nachricht: Das Abitur-Wissensniveau der Hamburger Schüler in Englisch, Mathematik und den Naturwissenschaften stimmt nicht so gar nicht mit den Regel-Gymnasialleistungen überein und qualifiziert so – trotz Abiturzeugnis (!) – offensichtlich nicht für ein Studium.

Erschreckend ist, dass die Studie belegt, dass die Lernrückstände an Gesamtschulen – jetzt Stadtteilschulen – schon bis zum (Realschul-)Abschluss der 10. Klasse so gravierend sind, dass selbst ein „Gasgeben“ in einer um ein Drittel verlängerten Oberstufenzeit zum G 8 Gymnasium diese Lern- und Wissensrückstände nicht einmal annähernd ausgleichen kann:

„Die Ergebnisse der aktuellen KESS 13 – Erhebung weisen insgesamt darauf hin, dass ein beachtlicher Anteil an Schülerinnen und Schülern des KESS – Jahrgangs mit erheblichen Lernrückständen in den Basiskompetenzen in die dreijährigen Oberstufe eingetreten war, die sie trotz beachtlicher Lernzuwächse bis zum Abitur nicht ausgleichen konnten.“ (KESS 13 Zusammenfassung S. 13)

Das wirft dann wiederum die Frage auf, ob ein erreichter grundlegender Bildungsabschluss (Hauptschulabschluss) oder ein mittlerer Bildungsabschluss (Realschule) nach 9 bzw. 10 Jahren Stadtteilschule in Hamburg überhaupt ausreichend auf einen Ausbildungsplatz, eine Lehrstelle vorbereitet und damit den Eltern, den Schülerinnen und Schülern, welche guten Glaubens mit einer „G3“ im Fach Mathematik die Schule verlassen und sich damit bewerben, nicht „Sand in die Augen“ streut.

Denn die Stadtteilschulen-Schüler fühlen sich ja mit ihren Zeugnissen durchaus für den Arbeitsmarkt oder ein Studium ausreichend qualifiziert und gut vorbereitet für die nächste anstehende Lebensherausforderung in Form einer angestrebten Ausbildung oder eines Studiums. Wenn diese Schulabschlüsse dann allerdings de facto an den Hochschulen oder am Arbeitsmarkt nur den Stellenwert eines „Jodeldiploms“ haben, ist der Bildungsauftrag, den hier der Staat nach Art. 7 GG hat, wohl nur mangelhaft erfüllt. Da ist es wohl kein Wunder, wenn die Nachhilfequote ähnlich der Abiturquote in Hamburg ansteigt und der Mathe-Nachhilfelehrer mit dem Nachhilfeschüler dann die Lücken schließen muss, die während der Schullaufbahn in den Treppenfächern entstehen.

Ob da eine Abkehr vom klaren Leistungsgedanken durch „Camouflage“ von Lehrplänen durch „kompetenzorientierte Lernziele“, eine „Verschwammung“ der Notengebung und eine Abschaffung des Sitzenbleibens als „ultima Ratio“ einer Schule unseren Schülern wirklich hilft? Es geht doch nicht nur darum, Schülern einen Schulabschluss „umzuhängen“. Dieser muss mit Leben und Inhalt und Basiswissen (!) gefüllt sein, der den jungen Menschen nach der Schule dann auch befähigt, aktiv am gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess teilnehmen zu können!

Klar, „Sitzenbleiben“ kostet so ca. € 5000,- bis € 6500,- je Schüler je Jahr laut Klemm. Da sollte man allerdings die sozialen Folgekosten, die der Gemeinschaft entstehen, wenn der schulisch so „durchgeschleuste“ Schüler dann keine Lehrstelle bekommt, sein Studium abbricht, zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen erhalten muss oder gar (dauerhafter) Empfänger von Sozialleistungen wird, dagegen rechnen. Wer das Sitzenbleiben abschafft, hat vermutlich 1. die volkswirtschaftliche Schadensrechnung nicht zu Ende gedacht und 2. die negativen, stigmatisierenden Folgen für das Individuum, ein Leben im sozialen Abseits als HARTZ-IV-Empfänger zuzubringen, völlig ausgeblendet. Oder streben wir in Deutschland etwa Jugendarbeitslosenquoten á la Portugal und Spanien an? Auch wenn diese dort natürlich aus anderen volkswirtschaftlichen Gründen heraus entstehen und Minderqualifikation in der Regel nicht die Ursache ist…

Veröffentlicht von

Kai Pöhlmann

Kai Pöhlmann ist Inhaber der ABACUS Nachhilfe Institute Hamburg und Kreis Pinneberg und Gründer des ersten ABACUS-Nachhilfeinstitutes nördlich der Isar.Google+

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