Mathe-Nachhilfe für Grundschullehrer?

…so titelte das „Hamburger Abendblatt“ heute online im Netz und bezog sich dabei auf den hohen Anteil fachfremd erteilten Mathe Unterrichtes an Hamburger Grundschulen: Wie bekannt, hat die bundesweite IQB-Grundschul-Vergleichsstudie dokumentiert, dass an Hamburger Grundschulen fast 50% des Mathematik-Unterrichts von Pädagogen erteilt werden, die dieses Fach nicht studiert hätten.

Das „Problem“ eines studienfachfremd erteilten Fachunterrichtes an Schulen ist nun wahrlich nichts Neues und Gang und Gäbe an deutschen Schulen bis hin in die Sekundarstufe II.

Lehrer und Lehrerinnen studieren in Deutschland in der Regel ein Haupt- und ein Nebenfach, erreichen hier Ihre zwei „Facultas“ (lat. sing.: faculta docendi) und erhalten dann mit dem Abschluss des II. Staatsexamens (i.e. Vorbereitungsdienst / Referendariat) ihre sogenannte „allgemeine Lehrbefähigung“ und werden / können dann in Schulen bei Übernahme in den Schuldienst „bedarfsorientiert“ eingesetzt werden.

Ein Rechtsanspruch für Lehrerkräfte und Eltern, dass Unterrichtspersonal an staatlichen Schulen nur studienfächerkongruent eingesetzt wird, existiert schlicht nicht, dafür aber entsprechende Vorschriften und Reglungen, die den fachfremden Einsatz den Schulen explizit gestatten (Schlagworte: „Vertretungsunterricht“, „Unterricht in einem Mangelfach“, „Mehrarbeit“). Selbst das Unterrichtspersonal an Schulen kann sich nur schwer gegen fachfremden Einsatz oder gar eine Versetzung an eine andere Schulart wehren. Rechtlich abgesichert ist das alles unter anderem über das Beamtenrecht und zum Beispiel durch entsprechende spezifizierende Vorschriften in den jeweiligen Dienstordungen der Länder (z.B. ADO’s).

Rechtliche Basis ist hier immer das Grundgesetz Art. 7 (1) und das Prinzip der „Sicherstellung der Unterrichtsversorgung“, welches der Staat zu gewährleisten hat. Eine Schulleitung / ein Stufenkoordinator handelt stets im Rahmen eines festgefügten Budgets, muss mit der der Schule „zugewiesenen“ Personaldecke auskommen und kann nicht wie ein Unternehmer der freien Wirtschaft so mal eben zusätzliches Personal einstellen. Wenn wir als professionelles Nachhilfe-Institut zum Beispiel mehr Nachfrage an Latein-Lehrern haben, können wir schlicht zusätzliche qualifizierte Kräfte einstellen (und zahlen bei Markt-Engpässen dann auch notgedrungen ein paar Euro mehr als marktüblich :-().

Diese Freiheiten haben staatliche Bildungsbereiche schlicht nicht und gute Fachlehrer in den sogenanten MINT-Fächern sind nicht nur in Hamburg „Mangelware“

Das Umstellen des Fachunterrichtes an Schulen welcher dann nur von Lehrkräften, die das Fach auch studiert haben würde sicher schwierig werden, denn zu einer solchen Sicherstellung eines Fachunterrichtes, der nur von „studierten Fachleuten“ erteilt wird, müsste dann ein Lehramtsstudent logischerweise auch völlig anders (und auch länger) studieren: Dafür müsste zunächst die Lehramtsausbildung im tertiären Bildungsbereich umgestellt werden, ähnlich den Lehramtsausbildungen in Finnland, der Schweiz oder in Österreich…

Die Kernfrage ist doch: Ist fachfremder Einsatz von Pädagogen an Schulen generell hochgradig problematisch? Aussagekräftig hierzu ist vielleicht eine Arbeit von Tiedemann / Billmann-Mahecha: Macht das Fachstudium einen Unterschied? Zur Rolle der Lehrerexpertise für Lernerfolg und Motivation in der Grundschule in: ZfP 58 I (2007), S. 58-73

Die Korrelation, welche die IQB-Studie zwischen fachkongruent und fachfremden erteiltem Unterricht suggeriert, ist so nicht differenziert genug und greift zu kurz. Das fachlich notwendige Wissen im Unterrichtsfach Mathematik, welches in einer Grundschule laut Bildungsplänen erforderlich ist, sollte doch schlicht jeder Lehramts-Student beherrschen und gehört zur Allgemeinbildung…

Auch ein Primarstufenlehrer zum Beispiel mit den Studienfächern Deutsch und Pädagogik sollte wohl in der Lage sein, den gestellten fachlichen Anforderungen von Mathematik-Bildungsplänen an einer Hamburger Grundschule Genüge zu tun. Er sollte die Grundrechenarten, Maße und Gewichte beherrschen und eine analoge Uhr lesen können. Wie das Ganze dann kind- und altersgerecht generell näher gebracht werden kann, vermitteln Methodik- und Didaktik-Vorlesungen und Seminare im Rahmen des Ausbildungsganges („bildhafte Orientierung“, „Wort-Bild-Verkettungen“ etc.).

Im Zweifel bieten Lehrer-Fortbildungs-Einrichtungen der jeweiligen Bundesländer stets und immer entsprechende Lehrer-Fortbildungen an, zu denen manche Bundesländer ihre verbeamteten Lehrer gar verpflichten! Und wenn da gar nichts mehr geht, hilft SCHILF 😉

Selbst in der Sekundarstufe I ist für den studierten Anglisten bis zu einer bestimmten Klassenstufe ein fundierter Deutsch-Unterricht anforderungsgerecht sicher machbar: SPO, Present- und Past-tense und ein „Summary“ gibt’s auch in den Deutsch-Lernfeldern und eine Herausarbeitung eines sozial- / herrschaftskritischen Ansatzes können bei Swift’s „Gullivers Travels“ und Heinrich Mann’s „Der Untertan“ durchaus Parallelen haben…

Spielen hier nicht vielleicht auch andere Faktoren, wie Kommunikationsfähigkeit, Empathievermögen und Unterrichtsgestaltung (Didaktik) eine viel größere Rolle als eine rein fachliche Vorqualifikation? Man muss den Mathe-Lehrstoff natürlich altersgerecht nahebringen und vermitteln können. Einige Lehrerfunktionäre sehen die Ursachen für das schlechte Abschneiden Hamburgs eher in der Anforderungsabsenkung: „Völlig anspruchslose Lehrpläne und eine lasche Unterrichtsdidaktik“, wird Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, zitiert. Auch der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kritisierte: „Die Politik wünscht sich hohe Übertrittsquoten zum Gymnasium. Um diese zu erreichen, überbieten die Stadtstaaten sich mit immer neuen Innovationen. Das führt zu Qualitätsverlusten“.

„In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst!“ von Aurelius Augustinus sollte ebenfalls für jeden Vermittler, Unterweiser und Schulpädagogen eine Richtlinie des Handelns sein. Und ob primär und nur eine einseitig fachliche Ausrichtung Qualitätskriterium eines guten Mathe-Unterrichts sein sollte?

Veröffentlicht von

Kai Pöhlmann

Kai Pöhlmann ist Inhaber der ABACUS Nachhilfe Institute Hamburg und Kreis Pinneberg und Gründer des ersten ABACUS-Nachhilfeinstitutes nördlich der Isar.Google+

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