Nachhilfe in Begabung für Naturwissenschaften

In den Wochen vor dem Jahreswechsel bereiten die Firmen – soweit ihre Bilanzierungsperiode mit dem Kalenderjahr einhergeht ihre wirtschaftlichen Jahreszahlen auf, um den Jahresabschluss zu generieren. Dazu gehört in der Regel auch, dass die Personalsituation und in diesem Zusammenhang der Deckungsgrad im Bereich des Fachpersonals beleuchtet wird.

In der Hamburger Tagespresse konnte man zu diesem Thema kürzlich erneut lesen, dass trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise Hamburger Unternehmen dringend gut ausgebildetes Fachpersonal suchen. Und natürlich – wie konnte es anders sein – steht der ungedeckte Bedarf im technisch / naturwissenschaftlichen Bereich im Vordergrund. Besonders hervorgehoben wurden die Aufgabengebiete Maschinenbau und Elektrotechnik, in denen die Chancen für den Einstieg wie für die berufliche Weiterentwicklung mit entsprechenden Karriereaussichten unverändert „rosig“ sind.

Leider haben wir für diese aussichtsreichen Tätigkeitsfelder zu wenig „Begabte“, wie man – mehr als einem lieb ist – aller Orten hören kann. Aber stimmt das denn überhaupt? Liegt es denn primär an fehlender Begabung?

Wenn man – wie ich es empfinde – das Glück hatte, mit jungen Menschen über einen längeren Zeitraum im Rahmen von professionellen Nachhilfeunterricht zusammen zu arbeiten, kommt man in der Regel zu anderen Schlussfolgerungen. Am Beginn einer derartigen Zusammenarbeit stehen Aussagen, zum Beispiel von den Eltern: „Unsere Tochter / unser Sohn hat so gar keine Begabung für die naturwissenschaftlichen Fächer“. Oder die Schülerin / der Schüler selbst:

„Für Mathe habe ich leider null Ader.“

Durch derlei „Startmusik“ sollte man sich als Nachhilfelehrer nicht beeindrucken lassen, sondern die Arbeit mit den jungen Menschen unvoreingenommen aufnehmen. Aus der persönlichen Erfahrung wurde die Überzeugung gewonnen, dass eine stetige, enge und zielgerichtete Zusammenarbeit gute Chancen hat, mit dem Lernenden einen Leistungsstand zu erreichen, bei der sich die Diskussion über vorhandene oder mangelnde Begabung erübrigt.

Unlängst war ich mit einem meiner Mathematik-Schüler, der mir auch mit dem Attribut mangelnder Begabung anvertraut wurde und den ich schon relativ lange auf seinem Weg durch die Schulmathematik begleite, damit befasst, Aufgaben aus den Gebieten der Kreisgeometrie und der Trigonometrie zu bearbeiten.

Es ging darum, Flächen von Segmenten zweier sich schneidender Kreise zu berechnen. Die Aufgaben waren so gestellt, dass zur Lösung mehrere Teilgebiete der Mathematik bemüht werden mussten. Derartige „Kombiaufgaben“ sind didaktisch sehr geschickt, insbesondere wenn sie – wie in diesem Falle – mehrere verschiedene Lösungswege zulassen. Man musste also zum Beispiel wissen, wie man die zu vorgegebenen Umfangswinkeln zugehörigen Kreisflächen und -umfänge berechnet. Ferner waren Dreiecksflächen zu bestimmen, wobei Hilfsgrößen wie Dreieckshöhen sowie die fehlenden Radien der Kreise zu ermitteln waren. Die bekannten trigonometrischen Beziehungen, der Satz des Pythagoras und die Kenntnis der Zusammenhänge zur Kreisberechnung waren gefragt.

Als „moderierender“ Nachhilfelehrer brauchte ich nur die Fragen nach den Lösungsansätzen zu stellen, wobei es – wie erwähnt – mehrere Lösungsmöglichkeiten gab. Die Antworten fand der ABACUS-Schüler schnell selbständig und setzte sie bei der anschließenden Durchführung der Lösung um. Durch zielgerichtete und strukturierte Arbeit in einer konzentrierten Atmosphäre kann ein Kenntnis- und Leistungsstand – gestützt durch Motivation und neu gewonnenes Selbstbewusstsein – erreicht werden, der die anfängliche gestellte Frage nach vorhandener oder nicht vorhandener Begabung weitgehend überflüssig macht.

Wie in vielen anderen Gebieten unserer Arbeitswelt gilt es auch in den naturwissenschaftlich basierten Berufssparten, die Basisarbeit auf der Grundlage solider Kenntnisse zu bewältigen. Natürlich muss bei den jungen Menschen, die hierhin geführt werden sollen, die Bereitschaft und die Möglichkeit zum Erwerb derartiger Kenntnisse grundsätzlich vorhanden und gegeben sein. Die Hindernisse sind bekanntlich vielfältig und können unter anderem im familiären wie im schulischen Umfeld liegen. Dabei ist – wie die geschilderten Erfahrungen zeigen sollten – die vermeintlich „mangelnde Begabung“ aus meiner Sicht häufig nur eine Hilfskonstruktion, die den Blick für die wirklichen Ursachen verdeckt oder verdecken soll.

Das Bestreben, in allen für die unsere Gesellschaft und unsere Volkswirtschaft wesentlichen Berufssparten nur auf die Begabten zu bauen, geht jedenfalls in die falsche Richtung.

Veröffentlicht von

Hensel

Prof. Dr. Wilfried Hensel, TU Berlin. 30 Jahre naturwissenschaftliche Lehrerfahrung

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