Nachlese zum MINT-Report 2012

Im Hamburger Abendblatt war am 16.11.2012, dem Hamburger MINT-Tag, zu lesen: „Die Stadt Hamburg war 2010 Schlusslicht unter den Bundesländern, was die Anzahl der Hochschulabsolventen in den MINT-Fächern angeht, und der Bildungsmonitor 2012 des Instituts der Deutschen Wirtschaft sieht die Hansestadt in diesem Bereich auf Platz 14 von 16“.

Mehr als 40 Jahre Berufstätigkeit als promovierter Diplomingenieur der Elektrotechnik – begleitet von der nebenberuflichen Aufgabe als Lehrbeauftragter und später als Honorar-Professor über etwa 30 Jahre an der TU Berlin – haben zu der Überzeugung geführt, dass der Erwerb von MINT-Kompetenz – und hier vor allem in Mathe und Physik – als ein erstrebenswertes Ziel im Rahmen der Allgemeinbildung an unseren Schulen betrachtet werden muss, die ja den Absolventen die Türen zu vielen verschiedenen Wegen ins zukünftige Leben öffnen soll.

Diese Überzeugung wurde eingebracht in die jetzige Aufgabe als ABACUS-Nachhilfelehrer mit der Absicht, junge Menschen – Schülerinnen und Schüler gleichermaßen – dazu zu motivieren, die Sinnhaftigkeit dieses Zieles für sich zu erkennen.

Dabei hat Mint-Motivation zwei Komponenten:

Zum Einen gilt es mit dem leider weit verbreiteten „Unfug“ Schluss zu machen, dass die Beschäftigung mit Mathematik und Physik als „gehobene Gehirnakrobatik von Denksportlern“ eingeordnet wird. Im Elternhaus mag der Schüler oder die Schülerin hierzu die vermeintlich tröstenden Kommentare der Eltern hören: „Mach‘ Dir nichts d’raus, das hab‘ ich auch nie gekonnt“. Und der andere Teil der Motivation besteht darin, den Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, wohin die Tür führt, die durch Erwerb von MINT-Kompetenz geöffnet wird. In den Artikeln im Nachhilfe-News-Blog ist dazu Weiteres zu lesen, wobei jedoch überwiegend qualitativ argumentiert wird.

Insofern ist der erschienene MINT-Report 2012 des Instituts der Deutschen Wirtschaft mit seinem aktuellen Zahlenwerk höchst willkommen. Der Report umfasst viele Seiten mit einem sehr umfangreichen Zahlen- und Tabellenteil, deren halbwegs umfassende Zusammenfassung den Rahmen dieses kurzen Beitrages sprengen würde. Als wesentliche Aussagen seien heraus gegriffen:

  • Die Zahl der offenen Stellen für MINT-Fachkräfte hat sich seit 2005 verdreifacht und beträgt derzeit ca. 280.000. Die größte Lücke besteht mit ca. 90.000 bei den Ingenieuren gefolgt vom IT-Bereich mit einer Lücke von ca 70.000.
  • Der Gesamtbedarf an MINT-Fachkräften wird im Zeitraum 2015-2019 bei jährlich 115.000 liegen, wobei der Ersatzbedarf mit 53.000 und der Expansionsbedarf mit 62.000 beziffert werden.
  • Die MINT-Fachkräftelücke betrug im April 2012 ca. 210.000.
  • Die Höhe der MINT-Absolventen lag im Jahre 2010 bei 98.400, wobei der Anteil der Frauen mit 31.000 im Vergleich zu 19.000 im Jahre 2005 angestiegen ist.

Besonders hervorheben möchte ich die Aussagen des Reports zu den Merkmalen Einkommenssituation, Beschäftigungssicherheit, Aussichten auf Managementpositionen sowie zunehmende Chancen für Frauen in den MINT-Berufen.

Berufstätige mit Fachschulabschluss in MINT-Fächern stehen mit Abstand an der Spitze der Liste mit den Jahresbruttogehältern. In der entsprechenden Liste der Berufsgruppen mit traditionellem Universitätsabschluss liegen nur die Humanmediziner vor den Ingenieuren, Mathematikern und Informatikern.

Die Beschäftigungssicherheit für Ingenieure im Maschinenbau und in der Elektrotechnik sowie für Informatiker wird mit 80 bis 90 Prozent angegeben. Im Vergleich hierzu liegt die Beschäftigungssicherheit im Bereich der Berufsgruppen im Kompetenzbereich der Wirtschaftswissenschaften dem Report zufolge bei 67%.

Sehr aufschlussreich ist auch die Situation im Managementbereich der Industrie: Hier wird die Anzahl der Manager mit MINT-Kompetenz mit ca. 100.000 angegeben. Demgegenüber stehen ca. 60.000 Manager mit wirtschaftswissenschaftlichen Kompetenzen.

Ein letzter Punkt, den ich herausgreifen will, betrifft die Berufchancen der Frauen mit MINT-Qualifikation. Die steigende Anzahl der Frauen unter den Absolventen mit MINT-Kompetenz ist erfreulich. Der Report belegt mit einem umfangreichen Zahlenwerk, dass die Aussichten der Frauen im Berufsfeld mit Anforderungsprofil im MINT-Bereich denkbar gut sind.

Wenn auch die absoluten Zahlen dieses Reports im Einzelnen einer kritischen Betrachtung unterzogen werden sollten, so sind doch die Ergebnisse in ihrer Tendenz unstrittig, und die Botschaft ist klar und deutlich. In diesem Zusammenhang stellt sich mir jedoch vehement die Frage, wer denn diese eminent wichtige Botschaft empfängt. Werden die Resultate des Reports in den von der Breite der Bevölkerung wahrgenommenen Medien publiziert? Wird darüber in den Schulen und Kultusministerien berichtet und diskutiert?

Wenn die eingangs zitierte Berichterstattung des Abendblattes hierzu richtig ist, dann muss man davon ausgehen, dass der Großraum Hamburg hinsichtlich der Ausbildungssituation im MINT-Bereich nicht einmal im statistischen Mittelfeld dieses Berichtes, sondern – als einstige Hochburg der mathematischen Wissenschaften – vielmehr am unteren Ende liegt.

Dann wird doch deutlich, dass noch viel von den Bildungsverantwortlichen, den Schulen und Schülern zu tun ist. Also packen wir es an!

Veröffentlicht von

Hensel

Prof. Dr. Wilfried Hensel, TU Berlin. 30 Jahre naturwissenschaftliche Lehrerfahrung

4 Gedanken zu „Nachlese zum MINT-Report 2012“

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