PIAAC – Die PISA Studie für Erwachsene

Seit gestern sind die Ergebnisse für die PISA-Studie für Erwachsene veröffentlicht und werden im Netz schon fleißigst diskutiert. Die PIAAC-Studie wird im Auftrag der OECD in 24 (Industrie-) Ländern durchgeführt und vergleicht (berufsrelevante) Kompetenzen der erwerbstätigen Bevölkerung der befragten Länder im Lesen und Rechnen. Deutschland liegt – wie erwartet – generell im unteren Mittelfeld. Vor Augen muss sich der interessierte Leser natürlich halten, dass bei dieser Untersuchung das „Humankapital“ im Vordergrund steht, das hiesst, das erwerbsfähige Individuum in erster Linie in der Studie PIAAC im Hinblick auf aktive Teihabefähigkeit am gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess betrachtet wird, ergo nicht immer gleichwertig betrachtet wird, zu welchen Teilen menschliche individuelle Bildung einen humanistischen und einen ökonomischen Anteil haben muss / sollte.

Ferner gibt es an den Grundsätzlichkeiten empirischer Kompetenzraster durchaus wahrnehmbare Kritik, beispielhaft sei hier mal ein Artikel von Prof. Meyerhöfer mit verlinkt.

Letztendlich liefern die PIAAC-Studien aber Vergleiche der Lese- und alltagsmathematischen Kenntnisse und Fertigkeiten (Schlüssel bzw. Kernkompetenzen) gleicher Altersgruppen unter gleichen (!) Bedingungen in verschiedenen Ländern bzw. Kulturprogrammen und (Bildungs?-)gesellschaften und daraus abgeleitete Folgerungen, die eine Betrachtung wert sind.

Interessant für Deutschland sind sicher die Korrelationen bzw. Zusammenhänge in Bezug auf die sozio-kulturellen Zusammenhänge, die in der Studie freundlicherweise ab S. 13 unten zusammengefasst sind.

  • Deutschland rangiert im Gesamt-Ranking zusammengefasst knapp unter dem OECD-Durchschnitt der Studie, ist aber gerade im unteren Kompetenzbereich der Skalierungen deutlich abfallender, im oberen Kompetenzbereich („Bildungsbürgertum“) erreicht Deutschland deutlich bessere Werte als der OECD-Durchschnitt (vgl. S. 14), welche aber im Gesamt-Durchschnitt „weggefressen“ werden durch den hohen Anteil bildungsunterer Schichten.
  • Je niedriger der Bildungsabschluss, je niedriger sind auch die Grundkompetenzen im Lesen und Rechnen. Das ist auch in Deutschland so (vgl. S. 15)
  • Und: Da zitieren wir mal direkt aus der Studie S. 15: „Darüber hinaus ist auffällig, dass besonders in Deutschland das Kompetenzniveau auch im Erwachsenenalter noch stark vom elterlichen Bildungshintergrund geprägt ist.“ Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um eine Untersuchung über die Kompetenzen von Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter, d.h. die retrograde Wirkung geht einige Jahrzehnte zurück. Eltern beeinflussen also – nach dieser Studie – signifikant den Bildungsstandard ihrer jeweiligen Kinder…
  • Erwachsene mit Migrationshintergrund erzielen schlechtere Kompetenzen als ohne, allerdings fällt diese Differenz nicht ganz so hoch aus wie in den (Vor-)Bildungsunterschieden. Interessant ist der Nachsatz, der verklausuliert darauf hinweist, dass in klassischen Einwanderungsländern mit „streng gesteuerter“ Einwanderungspolitik diese Unterschiede zwischen Immigrationshintergrund und Nativität signifikant geringere Unterschiede vorherrschen. Nach wie vor gibt es in Deutschland „substanzielle Unterschiede in den Grundkompetenzen“ von Erwerbstätigen mit und ohne Migrationshintergrund (vgl. S. 20)
  • Ältere Erwerbstätige in Deutschland erzielen schlechtere Kernkompetenzwerte als Jüngere. Auch wenn die Korrelation zur ’68er Bewegung nahe liegt ;-), so muss man doch fairerweise anführen, dass außer sinnentnehmendem Lesen und Rechenfertigkeiten auch „technologiebasiertes Problemlösen“, das heisst Medienkompetenz abgeprüft wurde und das sicher nicht unbedingt die Stärke in den untersuchten älteren Erwerbsgenerationen darstellt… Der guten Ordnung halber sei angeführt, dass die sogen. „68er-Bewegung“ keinesfalls ein rein westdeutsches Phänomen darstellte, sondern durchaus global stattfand.
  • Erwerbstätige erreichen grundsätzlich höhere Basis-Kompetenzwerte als nicht Erwerbstätige (S. 17) und es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Bildung. Was ketzerisch und überspitzt formuliert bedeutet: 1) Harz IV-Alimentierung löst keine Bildungsproblematik in Kulturprogrammen. 2) Wer in einer Leistungsgesellschaft im Wettbewerb steht – weil nichts anderes stellt eine Erwerbstätigkeit in der freien Wirtschaft dar – der hat wiederum quasi zwangsläufig einen höheren Bildungsstand.
  • Nun kommt in der Studie das Übliche: Angestellte, die sinnentnehmend Lesen und Rechnen können, verdient auch mehr Geld (S. 18)
  • Es kommt noch ein interessanter Hinweis: Wer in der Schule nix gelernt hat, kann dieses auch später nicht (!) ausgleichen (S. 18). Diese Personenkreise haben auch ein offensichtlich geringes Interesse an Fort- und Weiterbildungen (S. 19). Konzepte á la „Lebenslanges Lernen“ scheinen in Deutschland wohl nicht zu verfangen… Vielleicht, weil der „Leidensdruck“ fehlt und das soziale Netz nach wie vor zu eng gewoben ist?

Der Rest ist überwiegend Stochastik. Hoffnung macht, dass die jüngeren Erwerbstätigen in Deutschland einen offensichtlich höheren Grundkompetenzgehalt erwerben (erworben haben) als die Älteren es haben. Wobei dieses vielleicht doch nur der in der PIAAC-Studie mit erfassten Medienkompetenz zugeschrieben werden muss? Beim Lesen scheint die PIAAC Erhebung mehr Fragen aufzuwerfen, als dass sie Antworten auf Fragen liefert. Was ja vielleicht auch die Absicht solcher Erhebungen ist.

Die Ergebnisse der Studie PIAAC für den Selbstleser hier.

P. S. Wir bieten auch Erwachsenenbildung an 😉

Veröffentlicht von

Kai Pöhlmann

Kai Pöhlmann ist Inhaber der ABACUS Nachhilfe Institute Hamburg und Kreis Pinneberg und Gründer des ersten ABACUS-Nachhilfeinstitutes nördlich der Isar.Google+

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