Schulbildung und Abitur. Welcher Kurs liegt an?

Für die Schülerinnen und Schüler in Hamburg und Schleswig-Holstein ist die „Seefahrt“ in den rauen Wellen und gegen die widrigen Winde des verflossenen Schuljahres wieder einmal zum Ende gekommen. In den wohlverdienten Ferien stellt sich dann vielleicht die bange Frage, ob der bisher erreichte „Bildungshafen“ denn auch der angestrebte, ersehnte Zielhafen ist. Wenn das so leicht wäre…

Der im Bereich der MINT-Fächer tätige ABACUS-Nachhilfelehrer kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Ziele, die im Bildungs- / Ausbildungsbereich der Schulen derzeit als erstrebenswert gelten, seit geraumer Zeit einem Wandel unterworfen sind, einhergehend mit einer wachsenden Unsicherheit, in welche Richtung denn hier navigiert werden soll.

Im Zeitraum Frühjahr bis zum Ende des Schuljahres 2014 beschäftigten sich die Medien sehr intensiv mit derartigen Themen im Feld der Schulen und Universitäten. Aus Sicht des Autors spiegeln diese Beiträge den Zustand der Verunsicherung hinsichtlich der Ziele und ihrer Erreichbarkeit wider. Der Versuch, diese Medienbeiträge auf die Kernthemen zu verdichten, ergibt etwa das folgende Bild:

Weit im Vordergrund steht die Diskussion G8 versus G9. Die kontroverse Diskussion zwischen den Befürwortern und den Gegnern rechtfertigt wohl die Schlussfolgerung:

Den G8-Anhängern geht es vorrangig darum, den Schülerinnen und Schülern möglichst schnell zu dem begehrtesten aller Schulabschlüsse – dem Abiturium – zu verhelfen. Die Probleme, die sich aus der Umstellung von G9 auf G8 im schulischen Bereich und bei den Schülerinnen und Schülern ergeben, und die Konsequenzen auf die Qualität des erreichbaren Wissensstandes spielen eine eher untergeordnete Rolle. Mit der Umstellung auf G8 steigt zwangsläufig auch die Anzahl der Schulabgänger mit Hochschulreife, was wiederum die Situation an den Universitäten belastet.

Einen weiteren großen Raum der Medienberichterstattung nimmt das Niveau der Aufgaben in den Abschlussprüfungen ein. Das Hamburger Abendblatt titelt am 31. März 2014: „Mathe-Abitur: Niveau in Hamburg sinkt deutlich.“

Unter Berufung auf einen Aufsatz der Deutschen Mathematischen Vereinigung wird ein klarer Abstieg in den Anforderungen im Zeitraum 2005 bis 2013 diagnostiziert. Als Motiv hierfür wird ein Wettbewerb zwischen den Bundesländern vermutet, die höchsten Abiturquoten in der kürzesten Zeit zu erreichen. Mit amüsierter Aufmerksamkeit hat der Autor des vorliegenden Beitrages die in dieser Analyse enthaltene Feststellung zur Kenntnis genommen: „Die Taschenrechnerkompetenz spielt inzwischen eine überragende Rolle.“

Nach eigener Erfahrung des Autors ist dieser Niveauabfall auch bei den landesweit abgestimmten Prüfungsaufgaben zum Realschulabschluss seit einigen Jahren festzustellen: Die Aufgaben werden zunehmend im „multiple choice“ Modus verfasst, konditioniertes, anwendbares und somit „aktives“ Wissen ist immer weniger gefragt.

Noch wesentlicher härter und umfangreicher geht die Welt am Sonntag vom 15. Juni 2014 mit dem Trend zum Niveauverfall der Prüfungsanforderungen – insbesondere im Abiturium – ins Gericht. Das Titelthema lautet hier: „Abitur für alle!“

In diesem Beitrag findet man eine Vielzahl von Aussagen verschiedener Institutionen und Bildungsexperten zu diesem Thema wie zum Beispiel:

Das Abiturium ist heute leichter als früher. Es wird einem geschenkt, es ist nicht mehr so viel wert wie…“ oder: „Das Abiturium ist der begehrteste Abschluss in Deutschland. Das Gymnasium ist die beliebteste Schulform.“

Frau Dr. Mareile Kirsch – treibende Kraft für einen neuerlichen Volksentscheid in Hamburg zu Gunsten der Wahlfreiheit der Schulen für G8 und G9 – sagt in diesem Beitrag zum Thema Niveauverlust: „Massenhaft gibt es beste Ergebnisse. Noten? Ach, das sind doch Nullaussagen„, um dann zu pointieren: „Unsere Kinder fliegen auf die Schnauze, wenn man Ihnen nur beste Noten nachwirft.“

Die dritte Gruppe der Medienbeiträge in diesem Kontext beschäftigt sich mit der Rolle der Institute, die sich mit der individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler durch professionellen Nachhilfeunterricht beschäftigen. Der zunehmende Bedarf für diese Art der Schülerförderung wird hier unter anderem auch im Zusammenhang mit dem so genannten „Turbo-Abi“ gesehen. Das Hamburger Abendblatt vom 26./27.04.2014 macht zu diesem Thema die Aussage: „Die Angst wird immer größer, dass nur noch Zeugnisse mit Einsen und Zweien für den Ausbildungs- und Studienplatz reichen.“

Demnach bildet sich der aktuelle Trend: „Wie werde ich auf schnellstem Wege zum Einser-Kandidaten?“ gelegentlich eben auch in den Anforderungen an die professionellen Nachhilfeinstitute ab.

Die traditionelle Aufgabe, die Wissensbasis leistungs- bzw. lernschwacher Schülerinnen und Schüler mit längerfristiger Wirkung abzusichern, wird derzeit um den Facette nach eher kurzfristig angelegter Prüfungsvorbereitung erweitert: Auf diesem Wege soll dann die Beurteilung der Leistungsstarken – meist Gymnasiasten – im Bereich maximaler Punktzahlen abgesichert werden.

Bei kritischer Zusammenfassung dieser Aussagen könnte man zu dem Schluss kommen, dass der Kurs, auf dem das stolze Schiff „Schulbildung“ auf den Wellen der bestehenden Optionen navigiert werden sollte, durch folgendes Ziel geprägt ist:

Wie erreichen die Schülerinnen / Schüler in möglichst kurzer Zeit einen gesellschaftlich hoch angesehenen Schulabschluss – sprich Abitur – mit besten Noten?

Wenn bei dieser Ausrichtung des Navigationszieles die Qualität des erreichten Wissenstandes auf der Strecke bleibt, dann könnte die Befürchtung von Frau Dr. Kirsch (siehe oben), dass „unsere Kinder auf die Schnauze fliegen„, berechtigt sein. Denn eines ist sicher:

Ungeachtet aller derzeit in Betracht gezogenen Veränderungen der Strategien im Bereich der Schulbildung werden die Anforderungen, die hinsichtlich des Bildungs- / Ausbildungsstandes und der Wissensbasis an die zukünftigen „Akteure“ in allen Lebensbereichen gestellt werden, sehr hoch sein und mit einiger Sicherheit noch wachsen.

Indem er diese Tatsache im Blick hat und verinnerlicht, tut der mit den MINT-Fächern befasste ABACUS Nachhilfelehrer gut daran, sich bei der Arbeit mit seinen Schülerinnen / Schülern weiterhin auf seine traditionelle Aufgabe zu konzentrieren: Aufspüren und Beseitigen von Wissensdefiziten, Festigen und Anreichern von Grundwissen und Motivieren zu strukturierter Arbeit.

Bei Themengebieten wie etwa der Erstellung des Graphen von ganzrationalen Funktionen oder der Wiederholung von Regeln der Bruchrechnung im Zusammenhang mit der Behandlung von Bruchtermen ist dann der „Einbruch“ in den Kompetenzbereich der „hochintelligenten Taschenrechner“ nicht zu vermeiden, aber partiell vertretbar (siehe oben) 🙂

Veröffentlicht von

Hensel

Prof. Dr. Wilfried Hensel, TU Berlin. 30 Jahre naturwissenschaftliche Lehrerfahrung

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