Schulreform Hamburg Volksabstimmung über Primarschule

Am 18.7.2010 steht die Volksabstimmung in Hamburg über die zukünftige Form der Grundschule – nun Primarschule, an. Einige Anmerkungen:

Nachdem der Verfasser, sowohl als

Vater von drei schulpflichtigen Kindern, als auch als Inhaber einiger Nachhilfeinstitute mit 17 Jahren Erfahrung die Diskussion und die „Fürs und Widers“ eher zurückhaltend neutral verfolgt hat,  wurde er doch von verschiedenen Seiten zur Stellungnahme „genötigt“.

Um es vorweg zu nehmen: Ein eindeutiges Bekenntnis Pro oder Contra einer Schulreform wird und kann es hier nicht geben, aber einige Gedankenansätze und Thesen, welche zum Nachdenken anregen sollen:

Nach 17 Jahren Erfahrung im Bildungs- und Nachhilfesektor hat der Verfasser die Erkenntnis gewonnen, dass es die ideale Schulform nicht gibt: Über Erziehung / Pädagogik sind „kilometerweise“ Bücher geschrieben worden. Bis dato hat niemand nach Ansicht des Verfassers ein Patentrezept…

Jede Schulart und Schulform hat immer Vor- und Nachteile, jedes Kind ist de facto ein Individuum mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Entwicklungsphasen. Es lassen sich hier keine ausreichenden Percentilen bilden, um für oder gegen eine bestimmte Art und Form des Unterrichtes und der schulischen Bildung Allgemeingültigkeit zu postulieren.

Die beste oder ideale Unterweisungsmethode ist immer ein 1:1 Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Das kann eine Solidargemeinschaft natürlich nie finanzieren. Deswegen wird es nie die „perfekte Schule“ geben. Je vielfältiger jedoch ein Bundesland Schulformen anbietet, je näher kommt man den Bedürfnissen der einzelnen Schüler.

Jedes pädagogische oder schulische Lernkonzept hat Vor- und Nachteile, ob es nun der gute, alte Frontalunterricht, die Binnendifferenzierung, der individualisierte Unterricht, der fachübergreifende Unterricht oder die Lernfeld-Arbeit ist. Der eine Schüler kommt nach Erfahrungen des Verfassers mit dem jeweils einen Konzept – und zwar auch noch alters- und entwicklungsbedingt verschieden (!) – mal besser und mal schlechter klar.

Die Art der Diskussion über die Schulreform erinnert den Verfasser zumindest partiell eher an Klassenkampf mit viel Polemik und nicht immer an Austausch wissenschaftlicher (= Nachvollziehbarkeit für Dritte) Argumente, die sinnreich zu einer Informations- und Meinungsbildung beitragen: Die eine Seite argumentiert mit „Ausgrenzungs-„, die andere Seite mit „Volksverdummungs-“ vorwürfen. Und das auch noch von Menschen, die studiert haben und im Fokus der Öffentlichkeit stehen…

Für den Verfasser unbefriedigend ist zudem die Art der Alternativen, bezeihungsweise die Entscheidung in der Abstimmung: Entweder „Hopp oder Topp“, „Keks oder Schokolade“, „Hü oder Hott“. Dieses polarisiert völlig unnötig, da eigentlich von vornherein klar war, dass es hier nicht zu einem „überwältigenden Sieg“ der einen oder anderen Seite kommen wird… egal, wie die Abstimmung ausgeht: Diese wird wahrscheinlich nicht, trotz aller Lippenbekenntnisse, zu einem dauerhaften Schulfrieden in Hamburg führen können.

Ferner glaubt der Verfasser, dass ein Gutteil der Begründung schulreformatorischer Aspekte (sofern diese Schulformen und -arten betreffen) generell auch finanzielle Gründe hat: Je weniger verschiedene Schularten und Wahlmöglichkeiten von Bildungsformen, je weniger Kapital muss langfristig von einem Bundesland für öffentliche Bildungsangebote aufgewendet werden.

An der Bildung unserer Kinder zu sparen, hält der Verfasser grundsätzlich für falsch: Deutschland erzielt sein Volkseinkommen nicht mit dem Verkauf von Bodenschätzen, wir sind auch keine touristische Hochburg. Wir existieren vom Wissensaufbau gerade bei unseren Kindern. Und von der späteren Abschöpfung dieses Wissens in Forschung und Lehre, Wirtschaft und Industrie.

Ferner glaubt der Verfasser nicht, dass ein Migrations- und Integrationsproblem mit einer generellen Verlängerung der Grundschulzeit für alle Kinder gelöst werden kann. Charmanter erscheint hier die Planung des KMs in Bayern, das an einer „flexiblen Grundschule“ (4 bis 6 Jahre Verweildauer) bastelt.

Je vielfältiger und individueller die Bundesländer Schule und Bildungsformen gestalten (können und wollen), je eher werden wir auch den individuellen Bedürfnissen der verschiedenen Familien aus völlig unterschiedlichen sozialen Bereichen und Herkünften, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Stärken nach Meinung des Verfassers auch in der Zukunft gerecht werden können.

Veröffentlicht von

Kai Pöhlmann

Kai Pöhlmann ist Inhaber der ABACUS Nachhilfe Institute Hamburg und Kreis Pinneberg und Gründer des ersten ABACUS-Nachhilfeinstitutes nördlich der Isar.Google+

4 Gedanken zu „Schulreform Hamburg Volksabstimmung über Primarschule“

  1. Sehr schöner Artikel zur Schulreform. Auch wenn ich mir immer noch nicht ganz sicher bin, wie ich am Sonntag stimmen werde, so hat er mir doch schon weitergeholfen. Danke!

  2. Hallo.

    Ich habe gerade gegen die Schulreform gestimmt. Unter anderem auch wegen Ihrem Artikel, der mich nochmal hat nachdenken und recherchieren lassen hat. Wollen mal sehen, was am Ende dabei rauskommt.
    Ganz allgemeinen finde ich es erschreckend, wie wenig Informationen zu diesem Thema man über die „normalen“ Wege bekommt. In den Zeitungen etc. findet mal immer nur das, was in Hamburg passieren soll und man bekommt nur wenig Hintergrundinformationen. Solche Plannungen, wie z. B. in Bayern, findet man nur, wenn man Stunden im Internet verbringt. Dank Ihres Artikels ging es ein wenig schneller. Danke. Ich werde jetzt auch weiter hier mitlesen und Ihren Blog weiterempfehlen.

  3. Das ist ein sehr gut geschriebener Artikel, aus dem viel Erfahrung im Umgang mit Familien mit schulschwachen Kindern spricht. Jetzt ist ja die Entscheidung des Volkes gefallen. Dies zeigt wieder einmal, dass undurchdachte „Schulreformen“ nicht von der Bevölkerung akzeptiert werden. Bravo Hamburg.

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